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Chinesische Siegel



Chinesische Siegelkunst (1)

 

 

 

Chinesische Siegel erfreuen sich einer über 3000 Jahre alten Geschichte und haben bis heute nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Dabei sind Siegel ein Bereich chinesischer Kunst und Kultur, der nicht nur im Westen im Vergleich zur chinesischen Malerei und Kalligraphie relativ wenig präsent ist, ja in China selbst führte die Beschäftigung mit Siegeln lange Zeit ein Schattendasein. So z.B. nach 1949, nach Mao Zedong’s Rede in Yan‘an zu Literatur und Kunst (2) ist die Zahl der Interessierten bzw. Kenner rapide gesunken, was sich erst seit Kurzem wieder stark geändert hat und, was sehr erfreulich ist, sich weiter zu ändern scheint.

 

Die Kunst des Siegelschneidens wird wieder wahrgenommen als eine Kunstrichtung von großer geschichtlicher Bedeutung und ihrer Verwandtschaft mit Malerei und Kalligraphie wird verstärkt Beachtung geschenkt.


Siegel-Ausstellung       Ausstellung chinesische Siegel

Gut aufbereitete und populäre Ausstellungen zu Siegeln in China

 

 

Denn die drei – Malerei, Kalligraphie und Siegelkunst – sind aufs Engste miteinander verwoben und bedingen einander. Der Strich per se ist das Um und Auf sowohl in der chinesischen Malerei und Kalligraphie, als auch in der Kunst des Siegelschneidens. Das heißt, ohne kalligraphische Kenntnisse bzw. Praxis im kalligraphisch schönen Schreiben, gibt es kein traditionelles chinesisches Bild. Und erst recht trifft dies auf die Kunst des Siegelschneidens zu, bei der die Gestaltung der Striche bzw. die Komposition der Zeichen von essentieller Bedeutung sind. Künstlerischer Inhalt wird durch die Form vermittelt, die Form eben durch Striche bzw. Strichkombinationen geschaffen. Bei allen drei Kunstgattungen wird zudem Inhalt geschaffen, der über das Dargestellte hinausgeht.

 

 

 

Wenn wir von chinesischen Siegel sprechen, soll zunächst einmal festhalten werden, dass es zwei grundlegend verschiedene  Aspekte gibt, mit denen das Thema verknüpft ist. Zum einen die Objekte selbst, die Petschaften (yinzhang 印章, tuzhang 图章) in ihrer kunstvollen Fertigung bzw. den vielfältigen Materialen.

 

Zum anderen aber geht es aber dabei um zhuanke-xue 篆刻学, die Kunst des Siegelschneidens, also den Bereich der Druckfläche. Für diese Kunstrichtung  gelten großteils die gleichen Kriterien in Bezug auf Kunstfertigkeit, graphische Gestaltung, philosophische Grundlagen, literarische Qualität und andere Aspekte wie für Malerei und Kalligraphie.

 

Als Drittes ließen sich noch die Seiteninschriften (bian kuan 边款), sofern sie vorhanden sind, anführen. Diese Gravuren an den Seiten von Siegeln sind ein eigenes Gebiet und es gibt inzwischen Siegelenthusiasten, die sich fast ausschließlich nur mit diesen Inschriften beschäftigen. Sie können kurz sein, nur den Name des Siegelschneiders enthalten, können aber auch Angaben zu Ort und Zeit, Widmungen, Gedichtzeilen oder umfassende Hintergrundinformationen mit sehr langen Texten sein.

 

 

Was chinesische Siegel unter anderem zu etwas so besonderem macht, ist der Aspekt der geschichtlichen Kontinuität, dass sie nämlich durch all die Jahrtausende nicht nur ununterbrochen praktische Verwendung gefunden haben und heute noch finden, sich die Siegelschneidekunst kontinuierlich verändert hat und - vor allem in den letzten paar hundert Jahren - sich zu einer eigenständigen Kunstgattung entwickelt hat. Der Übergang vom Gebrauchsobjekt zum Kunstobjekt ist ein fließender.

 

 

 

1 Bedeutung der Siegel 

 

Schon in der Shang-Zeit (ca. 1600 -1000 v.d.Z) finden wir Schriftzeichen auf Orakelknochen. Dieser Schrifttypus heißt jiaguwen 甲骨文, und wenn wir ein Siegel aus der jüngeren Zeit betrachten, auf dem Zeichen in jiaguwen geschnitten sind, wie wir sie in fast unveränderter Form auf den erwähnten Orakelknochen finden, so wird uns die mehr oder weniger ununterbrochene Kontinuität vor Augen geführt.

 

          jia            jia

Jia gu wen Schildkrötenpanzer  -  Siegel von 1962, Cheng Yutian 程與天: 謙受益 - qian shou yi (Bescheidenheit erfährt Überfluss)

 

Die Zeichen werden nicht nur gleich geschrieben und bedeuten das gleiche, auch die ästhetischen Qualitätsmerkmale haben sich nicht wesentlich verändert, sogar die Technik der Gravur ist recht ähnlich; die Schriftzeichen wurden in beiden Fällen mit einem spitzen Werkzeug eingeritzt bzw. geschnitten.

 

Das Siegel selbst, z.B. als Instrument der Beglaubigung, hat seit tausenden von Jahren nichts an seiner Bedeutung eingebüßt. Selbst im Computer-Zeitalter sind Siegel im modernen China allseits präsent, sei es auf Ämtern, sei es beim Einlösen eines Schecks, sei es bei der Gestaltung von Produktnamen usw. Manchmal wird uns die graphische Nähe zu einem Siegel beim ersten Blick gar nicht bewusst, wie z. B. beim Emblem zu den olympischen Spielen in Beijing 2008.

 

amtliches Siegel                          Peking Siegel

Siegel von Premier Wen Jiaobao         Emblem der Olympischen Spiele Beijing. Männchen ähnelt Zeichen Jing 

 

Und eine weitere Besonderheit zeichnet chinesische Siegel aus, dass nämlich kein anderer Kulturkreis zu keiner Zeit eine Kunstform entwickelt hat, bei der auf so kleinem Raum ein so großes Maß an Kultur, Kunst, Geschichte und Tradition bzw. künstlerische Gestaltungsmöglichkeit vorzufinden ist. (3)

 

 

 

2 Geschichtliche Entwicklung der Siegel

 

 

Die ältesten Zeichen auf Schildkrötenpanzer bzw. Orakelknochen zeichnen sich bereits in den frühesten erhaltenen Objekten durch kunstvolle Gestaltung und Ausführung aus. In den darauffolgenden Jahrhunderten wurden komplexere Methoden entwickelt. Der Grundgedanke aber, was die Komposition der Zeichen betrifft, hat sich bis heute nicht wesentlich geändert.

 

Nachweislich wurden Siegel in China zum ersten Mal im Jahr 1324 v. Chr. verwendet. Doch richtig durchsetzen konnte sich das Siegel erst während der Zhou-Dynastie (1122 bis 256 v. Chr.). Diese frühesten erhaltenen Siegel im weiteren Sinn sind Fragmente aus Ton mit reliefartigem Eindruck. Gefunden wurden sie in Anyang (Provinz Henan). Über die Bedeutung dieser Siegel wissen wir meist nicht sehr viel. (4)

 

In der Frühling/Herbst-Periode (722-221) wurden bereits zwischenstaatliche Verträge bzw. Vereinbarungen zwischen Händlern mit Siegeln beglaubigt. Dies war notwendig geworden, weil die damals existierenden Kleinstaaten in permanentem Unfrieden standen. (5)

 

In der Folge wurden neu bestellte Beamte gleich bei Amtsantritt mit einem Siegel ausgestattet. Diese Siegel konnten auch – mit dem Amt selbst - vererbt werden.

 

Beide Arten von Petschaften, die offiziellen und die privaten wurden „xi“ genannt und waren von Hand geschnitten.

 

Während der Zeit der Streitenden Reiche war das Gießen von Bronze bereits hoch entwickelt und erlaubte auch den Guss von Siegeln. Zwar gab es schon geschnittene, doch die gegossenen waren in der Überzahl.

 

Mit der Einigung Chinas durch Qinshi Huangdi 221 v. (6) wurde vieles normiert. Die Bezeichnung „xi“ wurde nur mehr für das Siegel des Kaisers verwendet,  alle anderen hießen „yin“ .

 

Als Unterscheidungsmerkmale bei diesen „yin“ für Beamte wurden unterschiedliche Griffe und Schnüre zum Befestigen der Petschaften am Gürtel verwendet, dadurch wurde auch der Rang des Trägers erkennbar.

Siegel mit Schnur

Kaiserliches Siegel, ebenfalls mit Schnur

 

104 v. erklärte Kaiser Wu, dass Siegel von Beamten „zhang“ oder „yin“ heißen sollten, entsprechend des Dienstgrades. Private Siegel sollten von nun an „si yin“ 私印 heißen.

 

Dieses System hatte Bestand bis zur Zeit der 3 Reiche (220-265).  Aufgrund der politischen Turbulenzen und damit Umbestellung unzähliger Beamter wurde eine große Menge von Blanko-Siegel gegossen und erst bei Neubestellung eines Beamten geschnitzt. (7)

 

antikes Siegel

Siegel des Markgrafen von Dai

 

In der Zeit der Nord-Süd Dynastien (450-589) gab es praktisch keine diesbezüglichen Regelungen mehr. Viele Siegel wurden plötzlich größer, die Techniken des Schneidens wurden verfeinert.

 

Offizielle und private Siegel in früher Zeit unterschieden sich also oft nicht wesentlich. Erst mit Beginn der Sui Dynastie (581-618) zeichnete sich in Bezug auf Form und Strukturierung eine Unterscheidung ab.

 

In der Tang-Zeit wurde ein kaiserliches Edikt erlassen, das das private Gießen von Siegeln verbot und nur noch Siegel aus Holz oder Knochen für private Zwecke erlaubte.

 

 

Mit der Weiterentwicklung der Malerei und Kalligraphie in der Tang- und Song-Zeit beginnen Künstler ihre Arbeiten mit Siegelabdrucken zu versehen, um damit die Urheberschaft ihrer Arbeiten zu dokumentieren. Spezielle Petschaften entstanden und bald drückten auch die Sammler selbst ihre Siegel auf ihre Sammelstücke – quasi wie unsere Exlibris. (8). Neben verschiedenen Nachteilen, die dieses „Zupflastern“ mit Siegelabdrucken oft mit sich bringt, erleichtert es aber die Arbeit der Kunsthistorikers enorm, da sich damit sehr gut nachvollziehen lässt, in wessen Besitz die Arbeiten waren.

 

 

Rollbild mit Siegeln

 Rollbild mit vielen Sammlersiegeln

 

Diese neue Funktion der Siegel führte rasch zu einer kunstvolleren Gestaltung derselben. Jetzt bringen auch die Maler selbst Ideen zur Gestaltung von Siegel ein und bald beginnen sie, Siegel überhaupt selbst zu schneiden (wir sprechen jetzt von dem Zeitraum Yuan- frühe Ming Dynastie, also 13., 14.Jhdt).

 

Nach und nach gewinnt auch der Einfluss der Handwerker auf das Gestalten der Petschaften Bedeutung. Und da werden viele Anregungen zur Gestaltung der Siegelformen von anderen edlen Stein-Schnitzereien genommen. Motive wie wir sie von Steinen kennen, die nur zur Zierde und Erbauung dienten, finden sich nun auch auf Petschaften.

Yuan Dynastie Jade Schnitzerei           Stein Siegel

Yuan Dynastie Jade Schnitzerei                           Qing Dynastie Siegel

 

Offizielle Siegel hingegen, die ja „nur“ die Funktion der Beglaubigung hatten, blieben aber weitestgehend unverändert.

 

Diese eben genannten Änderungen betrafen sowohl die Siegelinschriften als auch das Petschaft selbst. Hatten Steinsiegel anfangs ganz einfache kubus- oder quarderförmige Gestalt, wurden sie nun länger bzw. höher und  der Griff wurde  bald mit Figuren geziert, vor allem Foo Löwen. Es ist auffallend, dass diese längliche Form vieler Siegel stark an Stelen um die Zeit der Han-Dynastie erinnern. (9).

 

 

Han Dynastie Stelen in Siegelform

Han Dynastie Stelen und ihre Ähnlichkeit mit Siegeln

 

 

Die Hochblüte erlebte die Siegelschneidekunst dann in der Qing-Zeit. Siegelschneider hatten überall in den Straßen der Metropolen ihre Stände aufgebaut und schnitten Siegel für alle Zwecke.

 

Siegelschneider im alten China

Siegenschneider in den Strassen


 

Neben dem florierenden handwerklichen Zweig bildeten sich aber vor allem unter den Siegelschneidekünstlern verschiedenste Schulen aus, wir greifen stellvertretend die wichtigste heraus, nämlich die Xiling yin-she 西泠印社, die 1904 gegründet wurde und bis heute die Welt der Siegelschneidekunst prägt. (10)

 

Xi Ling Siegel Gesellschaft

Gruenderväter der Xiling-Siegelschneide-Gesellschaft

 

 

 

3 Siegel-Typen, Kategorisierung

 

In Museen, in Publikationen oder auch bei Sammlern lassen sich verschiedene Kriterien beobachten, unter denen Siegel kategorisiert werden. Häufige Kriterien sind die Zugehörigkeit zu bestimmten geschichtlichen Epochen, Materialien der Siegel, Siegelschneide-Schulen und andere Gesichtspunkte.

 

Die Funktion der Siegel ist ein weiteres Kriterium und dazu lässt sich folgende grobe geschichtliche Entwicklung beobachten.

 

Als frühesten Exemplaren die uns erhalten sind, begegnen wir zunächst dem Namens-Siegel in verschiedenster Form. Später dann Siegel, die Beamte auswiesen, diese waren oft auch Rangabzeichen des Besitzers. Daneben gab es Siegel von Kaisern bzw. staatlichen Institutionen.

 

Noch später, so in etwa ab der Ming-Zeit, finden wir Namens-Siegel von Künstlern, auch Privat-Siegel, Sammler-Siegel und, bzw. vor allen ab der Qing-Zeit, Siegel mit Sprüchen, Zitaten oder Zeilen aus klassischen Gedichten – im Englischen „leisure seals“ (11) genannt – die nicht zweckgebunden waren und einfach aus der Freude am Siegelschneiden kreiert wurden.

 

Dieser Siegel-Typus erfreute sich rasch größter Beliebtheit und ist bis zum heutigen Tag sehr populär – sowohl bei Sammlern als auch bei Siegelschneidern. Dies vor allem deshalb, weil er dem Künstler das größtmögliche Maß an kreativem Spielraum bietet. Inhalt der Siegel sind meist Studionamen, Orte, ein Motto, Zeilen aus einem klassischen Gedicht, buddhistische oder konfuzianische Weisheiten, tradierte Lebensweisheiten oder poetische Gedankensplitter.

 

 

Zwei Beispiele sollen stellvertretend einige Aspekte der vielen Gestaltungsmöglichkeiten bei der Umsetzung von Inhalt in Form veranschaulichen:

 

Siegel         Siegel

Abb a   zhu-wen 朱文                         Abb b   bai-wen 白文

 

 

bái     yún     shēn   chù     shì            xiāng

                                          

 

Wo die weißen Wolken am tiefsten sind, ist mein Heimatdorf.

 

Was macht die Attraktivität dieses Siegels (Abb a) nun aus? Zum einen ist es die formale Gestaltung. Der Künstler hat zhu-wen 朱文 (12) gewählt, d.h., die Zeichen erscheinen rot auf weißem Hintergrund wobei die rundliche Gestaltung der Zeichen den Charakter von Wolken verstärkt.

 

Zum anderen ist es der inhaltliche Aspekt, die Poesie. Die Gegensätze "bai yun" (die Wolken sind hoch oben, weiß, flüchtig) und "shen chu" (der Platz, wo diese dicht gedrängt stehen) werden nebeneinander gestellt und die Erklärung, dass dies die Heimat des Künstler sei, wird dahinter angeführt. Verschiedene Assoziationsmöglichkeiten drängen sich uns auf, und nur in poetischem Verstehen können wir sie deuten.

 

Die Zeile erinnert ein wenig an eines der berühmtesten Gedichte von Li Bai (13). Auch in unserem Beispiel wissen wir nicht, wer „wu“ („ich“) ist. Ein „er“, eine „sie“? Ist es ein Soldat, der fern der Heimat an der Grenze zu den Barbarenvölkern seinen Dienst tut und von Heimweh geplagt wird? Ist es ein Dorfmädchen, das in der Stadt Dienst tut oder die einsame dritte Frau eines Beamten? Oder ist es ein Poet der in die Verbannung geschickt wurde und den nun die frei ziehenden Wolken seine eigene Unfreiheit noch deutlicher spüren lassen und er sich nun die Abgeschiedenheit des wolkenverhangen Heimatdorfes wünscht?

 

 

Im zweiten Beispiel (Abb b ) hat der Künstler bai-wen 白文 gewählt, die Zeichen erscheinen weiß auf rotem Hintergrund. Damit unterstreicht er die Stille der Stunden vor dem Morgengrauen.

 

 

yín      shī                    dōng   fāng    bái

                                       

 

Die ganze Nacht  hindurch Gedichte rezitieren – bis im Osten der Tag hell wird.

 

Auch diese Zeile genügt formal hohen literarischen Ansprüchen. "Gedichte rezitieren" (tönend, Gedichte wurden früher gesungen) steht neben „die ganze Nacht hindurch“ (die Nacht als die Zeit der Stille). „dongfang“, der Osten, wo der Tag hell wird, steht als Gegensatz zum Sänger des Gedichts, der damit  im Westen platziert wird, wo die Nacht dunkel ist.

 

Ähnlich wie im ersten Gedicht sind wir angehalten, unsere Phantasie spielen zu lassen. Was ist mit dem Rezitierenden? Was lässt ihn keinen Schlaf finden? Ist es eine Besessenheit von einem Gedichtband, den er immer wieder rezitieren muss? Ist es Kummer um eine ferne Geliebte, der ihm den Schlaf raubt?

 

 

 

Eine weitere Gattung von Siegel, die zwar eine über zweitausendjährige Geschichte aufweist, aber relativ geringe Bedeutung hat, sind Bildsiegel. (Abb. a) (14)

 

Bildsiegel 

Abb a   Bildsiegel aus de Han-Zeit     Abb b  Taosistische Siegel aus der Jin-Zeit

 

Neben diesen Typen von Siegeln gibt es noch ein paar weniger bedeutende, z.B. Siegel mit taoistischen Sprüchen (Abb b) oder Zauberformeln. Bedeutend sind sie insofern, als sie das aufgreifen, was den Siegeln aus frühester Zeit eigen war, nämlich eine magische Funktion. So wissen wir heute, dass die frühesten Funde oft wie Amulette um den Hals getragen und mit dem Toten bestattet wurden.

 

 

 

4  Das Siegelschneiden

 

Zhuanke-xue, die Kunst des Siegelschneidens, ist eine Kunstrichtung, die genauso vielfältig, diffizil und geschichtsträchtig ist wie Malerei und Kalligraphie. 2 Bereiche stehen dabei im Vordergrund: der gestalterische Aspekt, also die Komposition (der einzelnen Zeichen und des ganzen Siegels) und der technische Aspekt, also das handwerkliche Können des Siegelschneidens. (15)

 

 

4.1 Vorbereitung

 

Bevor ein Künstler mit dem Schneiden eines Siegels beginnt, hat er einige Entwürfe zu Papier gebracht. Oft sind es aber auch 20, 30 und mehr, bis ein zufriedenstellendes Ergebnis vorliegt. (Abb.a)

 

Diesen Entwurf überträgt er nun seitenverkehrt auf den glatt geschliffenen Stein und kontrolliert den Entwurf eventuell im Spiegel.

 

Wenn es auch keine falschen Striche geben darf und die Stile der Zeichen nicht gemischt werden dürfen, so werden, was die Anordnung der Zeichen betrifft, durchaus alle Möglichkeiten ausgeschöpft, wobei die Anordnung der Zeichen von oben nach unten und von rechts nach links die häufigste ist. (Abb.b)

 

Entwurf Siegel                  siegelmuster 

Abb a  Entwurf fuer Siegel         Abb b  Anordnung der Zeichen auf Siegel

 

 

4.2. Gestaltung

 

Grundsätzlich soll ein Siegel ein ansprechendes und harmonisches Erscheinungsbild haben, eine gute Balance in der Anordnung der Striche muss gegeben sein und die Komposition muss erkennbare künstlerische Bestrebungen sichtbar werden lassen. Dem Künstler stehen dazu als Gerüst verschiedene Stile zur Verfügung, die er aber, entsprechend seiner künstlerischen Begabung, verändern oder sogar weiterentwickeln kann.

 

 

 

4.2.1 Stile

 

Im Laufe der Jahrhunderte wurden verschiedene Stile der Kalligraphie für Siegel angewandt. Einige werden heute noch verwendet, einige sind schon früh obsolet geworden.

 

 

4.2.1.1 Die „Grosse Siegelschrift“ da zhuan 大篆, die in der Zhou Dynastie entwickelt wurde und bis zur Qin Zeit im Gebrauch war, wurde abgelöst durch

 

4.2.1.2 Die „Kleine Siegelschrift“ xiao zhuan 小篆. (16) Da sie in der Qin Zeit entwickelt wurde, wird sie auch oft als Qin Zhuan 秦篆 bezeichnet.

 

Aus diesem Stil ging einer der am häufigsten verwendeten Schrifttypen für Siegel in der Qin Zeit hervor:

 

4.2.1.3 Mouyin Stil (auch mou zhuan) 缪篆.

 

da zhuan     xiao zhuan      mou zhuan

Abb a  Da Zhuan          Abb b  Xiao Zhuan                          Abb c  Mou Yin

 

Aus den runden Ecken wurden scharfe Winkel und die Strichanzahl bei vielen Zeichen wurde verringert – oder vermehrt, je nachdem was dem Erzielen eines guten Layouts dienlich war. In der Han-Zeit war sie der am häufigsten gebrauchte Schrifttypus, warum sie auch Han Zhuan 汉篆 genannt wird.

 

Es gibt einige Varianten dieses Typs, die bekannteste Variante davon ist

 

4.2.1.4 jiu die wen 九叠文 (ninefold),  bei der es vor allem darum ging, durch Verlängerung der Linien Leerflächen auszufüllen.

 

jiu die wen Siegelschrift 

Nine Fold - Style, jiu de wen 九叠文“neun-mal gefaltete Schrift”

 

 

4.2.1.5 Und zuletzt sei noch der xuan zhen shu 悬针书, der „suspended needle“ - Typus erwähnt. Von diesem Typus gibt es 2 Varianten, die sich von der Kleinen und von der Großen Siegelschrift ableiten. Der letzte Typus ist notgedrungener Weise recht kraftlos und konnte sich nicht lange halten.

 

Siegeltypus abandoned needles 

 suspended needle - Typus in 2 Varianten

 

 

Diese Schrifttypen, sind quasi Muster, nach denen die Künstler nun ihre Siegel gestalten konnten bzw. können. Ihr wirkliches Können stellen sie aber unter Beweis durch zunächst eine überzeugende Komposition der Zeichen und dann durch ihre kunstvolle Schneidetechnik.

 

 

 

4.3 Die Technik des Siegelschneidens

 

Als Schnitttechniken stehen dem Künstler im Wesentlichen das Ziehen und das Pressen des keilartigen Messers zur Verfügung. (17)

 

4.3.1 chong dao 冲刀法 (push cutting) bezeichnet das vorwärtsgerichtete Schneiden des Siegels mit der Spitze des Messers. Die entstehenden Linien sind sauber und kraftvoll.

 

4.3.2 qie dao 切刀法 (press cutting) bezeichnet das Gravieren durch Pressen der gesamten Schneide des Messers. Die Schnittstellen sind von alter Einfachheit und kühn.

 

Mit Variieren der Schrägstellung des Messers etwa kann man zusätzlich bestimmte Qualitäten im Strich erzielen.

 

Gestaltung und Schnitttechnik sind also die beiden Werkzeuge, die dem Künstler als Basis zur Verfügung stehen. Kunst wird daraus erst, wenn es ihm gelingt, über das Handwerkliche hinauszugelangen. Und um das zu schaffen, muss sich ein Künstler lange Zeit mit dem Thema praktisch aber auch theoretisch befassen und das  bedeutet auch, die frühesten Inschriften zu studieren. Als Sammelbegriff für diese Studien gilt jinshi-xue 金石学. (18)

 

 Stein Trommel mit Siegelschrift    chinesische Steintrommel

antike Steintrommeln mit eingravierten Zeichen

 

 

4.4 Der künstlerische Aspekt der Siegelkunst

 

Wenn z.B. einer der der bedeutendsten Siegelschneider, Wu Changshuo (19), jahrzehntelang jinshi-xue betrieb, also antike Steinabreibungen, Bronzeinschriften und antike Siegel studierte und sich in seinen Arbeiten an diesen orientierte, so war das kein Kopieren früherer Künstler sondern eine Suche nach dem Verständnis dafür, worin die Schönheit dieser frühen Artefacte begründet war. Als kreativer Künstler kam er unter anderem ins Spiel mit „mood“ und „linear beauty“, also der Fähigkeit seine Stimmung einzubringen und Schönheit der Striche zu erzeugen.

 

Dieser Begriff „mood“ ist aufs Engste Verknüpft mit der Kunst des Schneidens von Zeichen und ist äquivalent zu sehen mit dem Kalligraphieren im Hinblick auf Tempo (schnell – langsam) oder Stärke (leicht – schwer). So ist es nicht verwunderlich, dass Siegelschneider auch oft Termini wie „Pinselstrich“ oder „Tiefe der Tusche“ gebrauchen, wenn sie von ihren Siegeln sprechen.

 

Und wie der Maler in seinem Bild achtet auch der Siegelschneider auf getragene, gerade Linien oder milde und fließende Kurven, ruhige, breite Abzweigungen, dynamische und spannende Diagonalen oder majestätische und kräftige, starke Striche, die er mit schlanken, energischen, dünnen Linien kommunizieren lässt. (20)

 

 

Der Künstler bedient sich also gewisser Kunstkniffe, die im Wesentlichen ein gekonntes Einbringen von Gegensätzen bedeuten. Neben den eben angeführten sind dies zum Beispiel auch Leere (also die Leerflächen) und Existentes (die Striche) in Bezug zu setzen. Oder die Zeichen (und auch einzelne Striche) miteinander kommunizieren zu lassen, Bewegung und Stille in Harmonie zu setzen bis hin zu der Überlegung, den Rand des Siegels kunstvoll in die Komposition mit einzubeziehen.

 

 

Da dieser künstlerisch kreative Teil das Kriterium per se ist, an dem sich entscheidet, ob wir von Kunst oder von Handwerk sprechen, wenn wir ein Siegel betrachten, schenken wir diesem Punkt, diesem Spiel mit den Gegensätzen, noch etwas mehr Aufmerksamkeit.



4.4.1 Grundsätzlich hat jedes Zeichen auf einem Siegel einen statischen und einen dynamischen Aspekt. Bewegte Linien („in motion“) werden als lebhaft empfunden, während die statischen natürlich sind. Es gilt das rechte Maß an Bewegung und Stille anzustreben. Zuviel Bewegung erschüttert den Betrachter, zu wenig macht die Komposition starr.

 

4.4.2 Leere versus Existentes ( - Xu::Shi – Thinness and Density). Dabei gilt es, Stellen, an denen Striche sehr gedrängt stehen, zu Stellen mit großen Leerräumen in Bezug zu stellen.

 

 

4.4.3 Kunstfertigkeit versus Plumpheit. Der Siegelschneider bedient sich einer Form, die das ungeübte Auge als „einfach“ oder plump empfinden würde. In dieser ungekünstelten Gestaltung aber verbirgt sich tiefes Verständnis des Wesens von jinshi-xue. Ein gutes Beispiel hierfür sind viele Siegel Wu Changshuo‘s, in denen er sich auf alte Bronzeinschriften bezieht.


4.4.4 Grobes versus Feines: (粗 - 細 Cu::Xi - Toughness::Gentleness ). Dabei werden z.B. Linien verwendet, die hart wirken, wie Drähte oder Nägel. Doch werden sie so raffiniert geschnitten, dass das Gesamtbild anmutig und weich erscheint.

 

Qi Baishi Siegel   Wu Changshuo Siegel   Siegelschrift elegant 

                                                4.4.2                  -                 4.4.3                 -                 4.4.4

 

 

4.4.5 Echo (回音 hui yin - Appeal and Response). Damit gemeint ist das In-Beziehung-Setzen der einzelnen Striche, sodass sich eine Konversation zwischen den einzelnen Strichen der Zeichen ergibt, oder auch ein Wiederhall. Das Gegenteil, Zeichen die nicht miteinander „kommunizieren“, würde ein Siegel tot erscheinen lassen.

 

4.4.6 Move and make way. Ein Kunstgriff, bei dem die einzelnen Striche eines Zeichens sich in das Feld des Nachbarzeichens schieben. Auch dadurch werden Bewegung und Kraft ins Spiel gebracht.

 

 hui yin  move and make waymotion   

 

                                  4.4.5             -            4.4.6        und ein Beispiel, das die oben angeführten Punkte gut vereint

 

Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer Techniken. Ein Siegelschneider kann sich nun bei der Gestaltung eines Siegel auf einen oder 2 dieser Aspekte konzentrieren, kann aber auch mehrere in seine Komposition einbinden und je diffiziler er das vermag, umso kunstvoller kann das fertige Objekt scheinen. Eine Überbetonung aber, ein zu offensichtliches Einsetzen dieser Mittel, kann rasch dazu führen, dass ein Siegel als plump angesehen wird und der Siegelschneider als ungebildet eingestuft wird.

 

 

Ein Siegel, das noch stellvertretend zu dem eben gesagten vorgestellt werden soll – und es ist dies sicherlich eines der bedeutendsten chinesischen Siegel – beinhaltet recht viele von den besprochenen Aspekten und es sei der Versuch unternommen, ein paar davon zu veranschaulichen. (21)

 

altes Siegel 

Metall-Siegel aus der Zeit der Zhou Dynastie, ca. 8th Jhdt. V.d.Z.

 

 rì     gēng    dōu     cuì      chē     mǎ

                                  

 

Zunächst fällt auf, dass im Zentrum des Siegels „Nichts“ ist. (22).

 

Damit rückt das Thema XU::SHI (Leere::Existentes) ins Zentrum der Betrachtung.

 

Um das Zentrum, das Nichts, sind die „Akteure“ platziert, die miteinander kommunizieren.

 

Das Siegel bzw. die einzelnen Zeichen sind nicht symmetrisch angeordnet, wodurch die Dynamik des Erscheinungsbildes unterstützt wird.

 

Viele der einzelnen Striche selbst wirken, bedingt durch ihre kunstvolle Komposition, bewegt, fliehend wie Wolken. Zu dieser Dynamik bzw. Bewegung kommt zusätzlich Kraft dazu, u.a. erzielt durch das Ineinandergreifen der Zeichen. (move and make way)

 

Und damit die Komposition nicht zerfällt, korrespondieren die einzelnen Zeichen miteinander. Also zwischen den Enden benachbarter Zeichen lassen sich gedanklich Verbindungslinien herstellen. ( hui yin, aber auch  yi dao – bi bu dao 意到笔不到) (23).

 

Augenfällig ist auch, dass die Zeichen ungekünstelt wirken, zugleich aber sehr raffiniert gestaltet wurden, sodass sie sowohl Kraft ausstrahlen als auch sehr fein wirken, das Gesamtbild ist expressiv und strahlt zugleich Kontemplation aus.

 

Neben dem Spiel mit Leere versus Existentem, Bewegung versus Ruhe, Natürlichkeit versus Bravour, Können versus Unbeholfenheit, Grobes versus  Feines uam. wird auch das eben angeführte Yi dao – bi bu dao eingesetzt und damit die Kraft innerhalb des Siegels gehalten.

 

 

 

Wie stark nun Malerei, Kalligraphie und Siegelschneidekunst (in diesem Fall auch Literatur) ineinandergreifen können, zeigt das folgende Beispiel sehr anschaulich.

 

 

Es geht um eine Zeile aus einem bedeutenden Gedicht aus der Zeit der östlichen Jin-Dynastie aus der Feder von Tao Yuanming 陶淵明 (365-427) und die Zeile heißt übersetzt in etwa:


 cǎi      jú     dōng     lí      xià      yōu     rán     jiàn    nán    shān

                         下,                                

Chrysanthemen pflücke ich am östlichen Zaun, während ich sorgenfrei auf die Südberge blicke.


 

Li Keran Bild  KalligraphieSiegel Tang Gedicht

 

Bild Li Keran 李可染   -  Kalligrahie des Gedichtes von 王民基 (Wang Minji)   -   Siegel-Text: alle zu besagtem Gedicht

 

 

Vieles, das wir bereits angeführt haben – sowohl literarisch als auch künstlerisch umgesetzt – finden wir in diesem Beispiel wieder. Ausgangspunkt ist eine literarische Idee: den in den Norden verbannten Dichter, der ein karges Dasein fristet, erinnern die Blumen am Zaun an seine Heimat im Süden. Umgesetzt wurde es durch Kunstgriffe, die oben besprochen wurden.

 

 

 

5 Materialien

 

Im Laufe der Geschichte wurde eine Reihe von Materialien für Siegel verwendet. Den relativ kurzlebigen frühesten Siegeln aus Ton folgten Siegel aus Metall, vorwiegend Bronze, später Holz und Bein. Es sind uns weiter Siegel aus Bambus, Horn, Porzellan, Elfenbein bis hin zu Glas und Plastik in der neueren Zeit bekannt.

 

 Tonsiegelbronze Siegel Bambus Siegel Elfenbein Siegel

Ton-,           Bronze-,          Bambus-           und     Elfenbeinsiegel


 

Das Material schlechthin ist aber der Stein und wenn wir die Gesamtheit der existierenden chinesischen Siegel hernehmen, so bewegen wir uns sicher jenseits der 90% Grenze zugunsten der Steinsiegel.

 

Steine als Siegel zu verwenden begann, wie schon angedeutet, in der Ming-Zeit. Der Maler Wang Mian 王冕 (1287-1359), bekannt vor allem für seine Pflaumenblüten-Bilder, begann sich für Siegelschneiden zu interessieren und stellte fest, dass alle damals üblichen Siegel-Materialien sehr hart waren: Metall, Elfenbein, Jade.

 

Wang war aus der Provinz Zhejiang, Kreis Lihui, und dort, auf dem Berg Baohua in Tiantai fand er einen Stein, der ansprechend, weich und gut zu schneiden war. (24)

 

Nach und nach wurden immer mehr Arten für Siegel verwendet und heute gibt es eine so große Anzahl an verschiedenen Stein-Arten, dass es auch für Kenner oft schwer ist, das jeweilige Material überhaupt zu benennen. Die Bandbreite reicht von einfach zu bearbeitenden, billigen Steinen bis hin zu extrem teuren, oft schwer zu bearbeitenden Spezies.

 

So ist der billige Speckstein, Qingtian-shi 青田石 leicht zu bearbeiten, kommt in vielen Farbnuancen mit oft sehr ansprechenden Maserungen oder Einschlüssen vor, und wird daher von Künstlern durchaus geschätzt.

 

Zu den teureren Siegelsteinen hingegen zählt z.B. Jade in all ihren Arten, die aufgrund ihrer Härte manuell nicht bearbeitet werden kann.

 

Dazwischen gibt es vor allem das breite Feld der Shou-Shan Steine 寿山石 mit einfacheren Arten bis hin zu Hühnerblutstein 鸡血石 und Tianhuang 田黄石, der früher mit Gold aufgewogen wurde.


Speckstein Siegel   Stein Siegel  shou shan Siegel  tian huang seal  shou shan siegel

Diverse Stein Siegel: Speckstein, Shou Shan, Furong-Shou Shan, Kangtian, Shou Shan 


Bei diesem wird grundsätzlich unterschieden zwischen tian-keng 田坑, shui-keng 水坑 und  shan-ke 山坑, je nachdem, ob die Steine aus Feldern, aus dem Wasser oder von Bergen gewonnen werden.

 

Stein Abbau

Suche nach Tian Huang Steinen


 

Dann beginnt erst das große Einteilen und wir wollen nur ein paar Bezeichnungen nennen, um uns ein ungefähres Bild zu machen: shuijing-dong 水晶冻 (crystal jelly), yunao-dong 鱼脑冻 (fish brain jelly), dong you shi 冻油石 (frozen oil stone), taohua-dong 桃花冻 (peach blossom jelly) usw. (25)

 

Ähnlich verhält es sich mit dem bereits genannten Jixueshi, im allgemeinen als chickenblood-stone bzw. Hühnerblutstein übersetzt, da das eingelagerte Rot des Steines an Blut erinnert.


jiexueshi   Hühnerblutstein Siegel   Hühnerblutstein roh   jixue shi

 

Jixue-shi ist zum einen ein Shoushan-Stein, gehört aber auch der Gruppe Changhua-Stein 昌化石 an.

 

Auch bei diesem Typus (wie bei den meisten anderen) gibt es eine Fülle von Unterscheidungsmerkmalen, die sich dann auch auf den Wert des Siegels auswirken. (26)

 

Wesentlich ist, ob der Changhua-Stein aus einer trockenen Grube abgebaut wurde oder aus einer unter Wasser. Rot, gelb und grau können im Stein vorkommen und die Objekte  tragen  dementsprechende Namen, wie z.B. oufen-dong 藕粉 (lotus root starch jelly).

 

Weist ein Siegelstein z.B. alle 3 Farben schwarz, weiß und rot auf, dann heißt er Liuguanzhang 刘关张, benannt nach den 3 Helden aus  dem klassischem Roman San guo zhi yi. (also Liu Bei, Guan Yu und Zhang Fei).

 

Wenn der Stein fast ausschließlich aus Rot besteht, so heißt er dahongpao 大紅袍 und gilt meist als der teuerste jixueshi.

 

 

 

6 Das Sammeln von Siegeln

 

Ist das Sammeln von ungeschnittenen Siegelsteinen eine eher junge Disziplin, so ist das Sammeln von geschnittenen Siegeln altehrwürdig, seien es die Siegel selbst oder die Abdrucke, die meist in eigens dafür geschaffenen Alben (yin-pu 印谱) abgedruckt wurden. Durchaus auch gemeinsam mit den Seiteninschriften, wenn diese von Bedeutung waren bzw. Abreibungen der ornamentalen Oberfläche der Seiten.

 

Die Siegel wurden meist in attraktiven Schachteln verwahrt und oft mit Tee- oder Walnussöl eingerieben, um das Feuer des Steins zu erhalten. Oder sehr oft werden sie in der Hand gehalten oder über die fettige Haut der Stirn gestrichen und je älter die Siegel werden, umso mehr Körperfett (Leben, Seele, Qi) haben sie in sich aufgenommen. (27)

 

 

Diese Handhabung von Siegel hat etwas durchaus Kulthaftes und Magisches an sich (28), wie Steine überhaupt im Chinesischen nicht als tote Materie gesehen wurden. Felsmassive wurden aus Sicht der Geomantik als die Punkte der Erde gesehen, an denen Qi ausgetreten ist und sich damit ein Kraftfeld bilden konnte. Auch Mi Fei (29 ) sei erwähnt, der in seinem Garten einen großen Stein stehen hatte, den er mit „Älterer Bruder“ ansprach und dem er täglich seine Referenz erwies.

 

 

 

 

7 Das Lesen von Siegeln

 

 

Was das Studium von Siegelinschriften schwierig macht, ist das Faktum, dass das Entziffern der Zeichen eine beachtliche Hürde darstellen kann. Selbst für Gelehrte, die sich jahrzehntelang mit Siegeln beschäftigt haben, ist es oft unmöglich, einzelne Zeichen zu deuten.

Dies kann seinen Grund darin haben, dass viele Zeichen nicht mehr im Gebrauch sind oder ein Künstler sich weitgehende Freiheiten in der Gestaltung seines Siegels herausgenommen hat.

 

In Museen oder Publikationen wird dann anstelle der unidentifizierbaren Zeichen ein Quadrat gesetzt.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass Zeichen aus Siegeln grundsätzlich verschieden gestaltet werden können. Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus einem spezialisierten Wörterbuch für Siegelinschriften. (30).


 

Siegel Schrift

Ausschnitt aus einem Spezial-Wörterbbuch für Siegelzeichen - alle hier bedeuten Langes Leben  壽


 

Über die Variationsmöglichkeiten bei der Anordnung der Zeichen selbst auf einem Siegel haben wir schon gesprochen.

 

 

 

 

8 Status quo

 

War man vor 30-40 Jahren doch ein Außenseiter, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt hat, findet man heute in einem gut bestückten chinesischen Buchladen zig Bücher zum Thema, oft amateurhaft kompiliert, dazwischen aber einige recht hilfreiche Publikationen.

 

Trotz der oben erwähnten Schwierigkeiten im Verstehen von Siegeln erfreuen sie sich in den letzten Jahren wieder einer stark steigenden Beliebtheit, ja man kann von einem regelrechten Boom sprechen.

 

Einer der Gründe, warum Siegel auch enorm an Marktwert gewonnen haben ist, dass bestimmte Siegel  bei nationalen wie internationalen Auktionen preislich immer lichtere Höhen erklimmen. Mit ein Grund mag auch sein, dass das Thema von den Medien stark aufgeheizt wurde, als sie z.B. von Versuchen der chinesischen Regierung berichteten, Versteigerungen von Jade-Siegel früherer Kaiser in Auktionen zu blockieren.


 

 

Auktion Siegel

 


 

Ein weiter Grund liegt sicher darin, dass es immer mehr Ausstellungen zum Thema Siegel gibt und diese immer besser und informativer gestaltet werden.

 

Auch die Informationsquelle internet hat sich als sehr hilfreiches Medium zur Popularisierung aber auch als Informationsquelle des Themas entwickelt und wird sicher noch viel zur Bereicherung des Themas beitragen.

 

 

 

 

 

 

 

Fußnoten:

 

(1) Dieser Artikel basiert auf Teilen des Vortrages „Viele bunte Steine - die faszinierende Welt der Chinesischen Siegelkunst“, der am 31.05. 2012 am Konfuzius Institut gehalten wurde. 

 

 

(2) Mao Tse-tung: REDEN BEI DER AUSSPRACHE IN YENAN ÜBER LITERATUR UND KUNST. In:

Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke Band III, Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking 1969

 

(3) das gros der Siegel hat eine Druckfläche von rund 3-5 cm2, doch gibt es welche, die nur wenige mm2 groß sind und doch höchsten Ansprüchen genügen

 

(4) Niu, Chinese Seals, S. 10 ff

 

(5) Lai, Chinese Seals, S. X ff

 

(6) Qín Shíhuángdì (chinesisch 秦始皇帝 ‚Erster erhabener Gottkaiser von Qin‘), eigentlich Yíng Zhèng (chinesisch 嬴政), (* 259 v. Chr. in Handan; † 10. September 210 v. Chr. in Shaqiu) war der Gründer der chinesischen Qin-Dynastie sowie des chinesischen Kaiserreiches.

 

(7) Für Puristen zählen diese Siegel zu den schönsten. Dies deshalb, da sie von Siegelschneidern geschnitten wurden, die extrem viel Übung hatten (Viele tausende Beamte mussten durch die Umbesetzungen mit neuen Petschaften ausgestattet werden), und auch weil sie in einem Arbeitsgang geschnitten wurden, ohne Korrektur, und damit ein größtmögliches Maß an Ungekünsteltheit aufweisen.

 

(8) Prunkte einmal das Siegel eines Kaisers auf einem Bild, war dies Ansporn für jedermann sein Sammelsiegel neben das des Kaisers zu setzen (quasi „ich neben dem Kaiser“).

 

(9) Die Ähnlichkeit ist dem Autor erst bei der Vorbereitung zum Referat bewusst geworden, ist aber nicht kunsthistorisch verifiziert worden.

 

(10) 西泠印社 Xiling Siegel Gesellschaft wurde u.a. auf Initiative der Zhejiang Künstler Ding Fuzhi 丁辅之, Wang Fuguang 王福庵, Ye Zhou 叶铭 und Wu Yin 吴隐 gegründet. 1913 wurde der berühmte Künstler Wu Changshuo 吴昌硕 zum ersten Leiter der Gemeinschaft gewählt.

 

(11) Einige chinesische Fachbegriffe gibt es in keiner populären deutschen Übersetzung. Neben „leisure seal“ werden daher in der Folge bei einigen weiteren die englischen Übersetzungen verwendet.

 

(11) Die Abbildung a ist Privatbesitz collect.at, Abb. b findet sich bei T.C Lai, Seite 116

 

(12) Neben zhuwen und baiwen gibt es auch die Kombination der beiden auf einem Siegel, z.B. eine Hälfte in diesem, die andere in jenem Stil.

 

(13) Li Bai‘s Gedicht „Heimweh in stiller Nacht“ (李白: 静夜思)

 

(14) Bildsiegel gab es schon in frühester Zeit. Sie dienten dazu, Waren aus Lehm zu markieren.

 

(15) Grundsätzlich lässt sich sagen, dass ein gutes Siegel von der kunstvollen Kombination der lebhaften chinesischen Zeichen lebt, dass es durch eine harmonische Konstruktion der Siegelfläche und durch überzeugende Schnitt-Technik besticht.

 

(16) Dies war notwendig geworden, da inzwischen die verschiedenen Kleinstaaten eigene Charaktere für die gleiche Sache entwickelt hatte. Li Si, Premier Minister unter  Qin Shi Huangdi, führte eine  umfassende  Schriftreform durch, bei der die Zeichen vereinfacht und genormt wurden. Diese Zeichen waren einfacher, besser balanciert, fließender, Form und Struktur gerader und symmetrisch.

 

(17) Noch in der Qing-Zeit finden sich Bücher, in denen von über 30 Techniken die Rede ist. Heute unterscheidet man aber nur 2 Techniken und minimalen Varianten dieser.

 

(18) Das Studium dieser Inschriften auf Bronzegefäßen, Stelen, Steintrommeln, Siegeln usw. hat chinesische Künstler in verschiedenen Epochen unterschiedlich stark beschäftigt, präsent war es immer. Einen besonders starken Impuls hat es in der späten Qing-Zeit bekommen, Wu Changshuo und Qi Baishi seien hier besonders hervorgehoben.

 

Seit früher Zeit heißt es im Chinesischen „ Wenn du ein Siegel hast, wirst du so alt wie Metall und Stein“.

 

 

(19) Wú Chāngshuò (吴昌硕) (September 12, 1844 - November 29, 1927), eigentlich Wu Junqing, Zhejiang, stammte au seiner Gelehrten-Familie, bekleidete erst ein Amt in Liaoning, ließ sich dann in Suzhou nieder und begann erst spät mit der Malerei. Er gilt als der bedeutendste und einflussreichste Vertreter moderner chinesischer Siegleschneide-Kunst.

 

(20) Niu, Chinese Seals, S. 49

 

(21) Metall-Siegel aus der Zeit der Zhou Dynastie, ca. 8th Jhdt. V.d.Z.

 

(22) Zur Bedeutung des „Nichts“ sei an Laozi erinnert:

 

Der Nutzen des Nichts

 

Dreißig Speichen treffen sich in der Nabe.

Da, wo sie nicht sind, ist der Nutzen der Nabe.

 

Knete Ton und bilde daraus Gefäße.

Da, wo er nicht ist, liegt der Gefäße Gebrauch.

 

Brich in die Wände Fenster und Tür dem Hause.

Durch das Nichts darin wird es ein brauchbares Haus.

 

Also: dass etwas da ist, bedeutet Gewinn.

Aber das Nichts daran macht ihn nutzbar.

 

Übersetzung Gundert (Wilhelm Gundert (1880-1971) war ein deutscher Ostasienwissenschaftler, der sich vor allem der buddhistischen Literatur Chinas und Japans widmete.

 

(23) lit. Der Sinn kommt an, aber der Pinsel nicht

 

(24) Wang Mian 1287-1359 in: Niu, Chinese seals, S 38. Anderen Quellen zufolge, Niu, Chinese seals pp S, wird Wen Peng, der Sohn des berühmten Wen Zhengming, als Initiator der Steinsiegel angeführt. Dieser hat auch die erste Siegel-Schule begründet, die Wu-men-pai.

 

(25) Allein unter der Gruppe shou shan lassen sich 50-60 verschiedene Arten ausmachen. Seit Jahren ist ein Trend festellbar, immer wieder neue Arten vorzustellen. Dies u.a. deswegen, da Fundorte bestimmter Arten (jixue-shi, tianhuang-shi) völlig ausgebeutet wurden und man nun auf andere Arten ausweicht.

 

(26) Unter Kennern in China wird stark nach diesen verschiedenen Kriterien unterschieden und dementsprechend kann dann ein Siegel einige 1.000 Yuan  kosten oder auch einige 100.000.

 

(27) Die literati haben den Siegelsteinen 6 Tugenden gegeben:
xi
(fine), jie(knotty), run (smooth), ni(oily), wen (warm), ning (congealing).

 

(28) Nach heutigem Kenntnisstand wurden Siegel vor über 2000 Jahren als Amulette getragen und mit dem Besitzer begraben. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Siegel auch oft mit magischen Zeichen graviert wurden. Diese wurden meist von Taoisten verwendet, haben aber in der Geschichte des zhuanke-xue keine große Bedeutung.

 

(29) Mi Fei, auch Mi Fu 米芾 (Mi Fu), Der Alte Mi (* 1051 in der Provinz Jiangsu; † 1107 in Kaifeng), war ein berühmter chinesischer Maler. Er war ein Zeitgenosse des berühmten Literatenmalers Su Dongpo.

 

(30) Alleine in dem erwähnten Spezial-Wörterbuch gibt es z.B: 140 Versionen für das Zeichen Shou 寿 (langes Leben). Die Anzahl der Striche reicht von 7 - 19

 

 

 

 

 

 

Literaturliste:

 

Chang Chung-yan: Tao, Zen und schöpferische Kraft. Diederichs Verlag, 1985

 

Deng Jing: Xi Yin. (Siegel und Petschaften) Shandong Meishu chuban-she, 2009

          : . 出版

 

Deng Jing: Deng Jing tan Ming Qing yinzhang. (Deng Jing über Siegel der Ming- und Qing-Zeit) Shandong Meishu chuban-she, 2010

          : 明清印. 出版


Fang Zhongwa: Shou Shan-shi pinjian yu shoucang (Shou shan-Steine, Identifizieren und Sammeln), Commercial Press, Hong Kong 2008

方宗硅: 寿山石品鉴定与收藏


Niu Kecheng. Chinese Seals. Foreign Languages Press, Beijing 2008

 

T. C. Lai: Chinese Seals. University of Washington Press. 1976

 

Pan Guoyan: Zhuanke Zidian (Siegel-Wörterbuch), Changchun, Jilin wenshi chuban-she, 2009

潘国彦: 篆刻字典, 春吉林文史出版社

 

Deng Sanmu: Zhuanke-xue (Siegelschneide-Kunst). Renmin Meishu chuban-she. Beijing 1978

          散木: 篆刻学. 人民美出版

 

Shanghai buowuguan cang yin xuan (Auswahl aus der Siegelsammlung des Shanghai Museums). Shanghai shu hua chuban-she, Shanghai 1979

          上海博物藏印. 上海画出版社

 

Zhu Hongxiang: Zhuanke yishu chutan, Jiangxi meishu chuban-she, 2005

朱鸿祥: 篆刻艺术初探, 江西美出版社

 

 

 

 

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